Studie deutet darauf hin, dass 5.200 in einen Berg gegrabene Löcher einst als antikes Buchhaltungssystem dienten

Ein rätselhaftes Phänomen im Pisco-Tal in Peru beschäftigt Archäologen seit Jahrzehnten: der Monte Sierpe, auch bekannt als das „Band der Löcher“. Diese beeindruckende Formation liegt in den Anden, in der Zone Chaupiyunga, und wurde jetzt in einer aktuellen Studie neu interpretiert, die in der Fachzeitschrift Antiquity veröffentlicht wurde.
Wie die Gruben entdeckt und untersucht wurden
Der Monte Sierpe zieht sich über etwa 1,4 km entlang eines Kamms und umfasst mehr als 5.000 Gruben, die in ca. 60 Abschnitte unterteilt sind. Die Gruben sind bis zu 2,0 m breit und 1,0 m tief und erstrecken sich insgesamt nahezu 1,6 km über das Gebiet.
Ein Forschungsteam um den digitalen Archäologen Jacob L. Bongers von der University of Sydney hat die Struktur mit modernen Methoden untersucht. Mit Fernerkundung und Drohnenvermessung kartierten sie das Gelände. Aus einigen Gruben wurden Sedimentproben entnommen; mikroskopische Analysen zeigten Pollen, Stärke und Phytolithen.
Diese Spuren deuten darauf hin, dass pflanzliche Materialien wie Mais, Schilf und Binsen gezielt dort platziert wurden. Diese Pflanzenarten werden häufig zur Verpackung und zum Transport verwendet (typische Materialien für Lagerung und Verpackung) und sprechen dafür, dass die Gruben möglicherweise in einem Zusammenhang mit Markttätigkeiten oder einem Transportsystem standen.
Die Idee dahinter und worauf sie beruht
Die neue Studie schlägt vor, dass der Monte Sierpe in zwei Phasen genutzt wurde. In der ersten Phase diente die Anlage als Marktplatz für den Handel zwischen lokalen Gemeinschaften. Später, unter der Herrschaft der Inka, könnten die Gruben als Buchhaltungs- und Zählsystem gedient haben, um Waren und Dienstleistungen im Rahmen des mit’a-Systems zu erfassen (bei mit’a handelt es sich um eine rotierende Arbeitsleistungspflicht des Staates).
Interessanterweise zeigen die in den Gruben gefundenen Zählsysteme Ähnlichkeiten mit den Khipus (geknotete Schnursysteme, die zur Zählung und Aufzeichnung dienten). Aus dem gleichen Tal stammt bereits ein existierender Khipu mit ähnlich gruppierten Schnüren, was die Hypothese zusätzlich stützt.
Soziale und räumliche Einordnung
Eine Radiokarbon-Datierung einer Holzkohleprobe legt nahe, dass die Gruben in die 1300er Jahre datieren und damit zeitlich zu benachbarten Siedlungen passen. Zur fraglichen Zeit lebten schätzungsweise 100.000 Menschen in der Region Chaupiyunga, ein Gebiet, das günstig zwischen Küste und Hochland lag.
Die Anlage selbst zeigt schmale Querwege und gut organisierte Abschnitte, was sowohl zur Funktion eines geschäftigen Marktplatzes als auch zu einer effektiven Steuer- oder Kontrolleinrichtung passt. So konnten Handelspartner Waren leicht vergleichen und prüfen, was die Durchführbarkeit eines solchen Systems plausibel macht.
Kritische Fragen und offene Punkte
Trotz der überzeugenden Argumente bleiben Fragen offen und andere Erklärungen sind nicht komplett auszuschließen: etwa Nebelfang, Verteidigung oder Bergbau. Diese Alternativideen erklären jedoch die Verteilung der Gruben und die pflanzlichen Funde weniger gut.
Jacob L. Bongers selbst sagt: „Unsere Ergebnisse sind unerwartet und haben Implikationen für ein besseres Verständnis von Buchführung, Austausch und Ressourcenmanagement innerhalb und jenseits der Anden.“ Er betont aber zugleich, dass „diese Idee vorläufig bleibt“.
Monte Sierpe ist ein spannendes Beispiel dafür, wie archäologische Forschung alte Kulturen entschlüsselt und wie neue Technologien helfen, Fragen der Vergangenheit zu klären. Weitere Forschungen stehen noch aus; sollten sich die Befunde bestätigen, könnten die Erkenntnisse über den Monte Sierpe das Verständnis historischer Handels- und Verwaltungssysteme weit über die Region hinaus erweitern.